CS RISE® Impuls 02 · Menschenführung
Menschen brauchen Orientierung, nicht auf jede Frage eine Antwort.
Du möchtest deinem Team Sicherheit geben, obwohl noch vieles offen ist? Ein Impuls zu ehrlicher Orientierung, guten Fragen und gemeinsamem Handeln.

Preview · VorabfassungText und persönliche Perspektive werden vor dem Livegang von Claudia freigegeben.
Eine Situation zum Wiedererkennen
„Was bedeutet die Veränderung jetzt für uns?“ Eine solche Frage kann ein Teamgespräch prägen, obwohl wichtige Entscheidungen noch offen sind. Der Zeitplan steht nicht fest. Ein Teil der Hintergründe ist bekannt, ein anderer noch nicht. Und die Menschen wünschen sich eine Antwort.
Vielleicht kennst du diesen Moment. Es liegt nahe, schnell etwas Beruhigendes zu sagen: „Das bekommen wir schon hin.“ Oder das Gespräch aufzuschieben, bis mehr Klarheit da ist. Beides kann aus dem Wunsch entstehen, Orientierung zu geben.
Aber braucht Führung auf jede Frage eine fertige Antwort? Oder zunächst eine ehrliche Einordnung und einen nächsten Schritt, auf den sich das Team verlassen kann?
Du musst Unsicherheit nicht wegreden. Du kannst den nächsten Schritt klar machen.
Der CS RISE® Denkimpuls01 / Erkennen
Zwischen Beschwichtigen und Schweigen
Zuversicht zu vermitteln gehört für viele Führungskräfte dazu. Eine beruhigende Aussage kann Menschen aber mit ihren konkreten Fragen alleinlassen. Was bedeutet die Veränderung für ihre Arbeit? Was gilt heute? Wer entscheidet über das, was noch offen ist?
Auch Schweigen hat eine Wirkung. Wer nichts hört, muss selbst deuten, was gerade passiert. Vielleicht wird aus einer offenen Frage eine Befürchtung. Vielleicht warten Menschen mit ihrer Arbeit, weil sie den nächsten Schritt nicht einordnen können.
Orientierung bedeutet für mich nicht, einen sicheren Ausgang zu versprechen. Sie bedeutet, den gegenwärtigen Rahmen sichtbar zu machen: Das wissen wir. Das ist offen. Das tun wir jetzt. Dann sprechen wir wieder darüber.
„Ich weiß es noch nicht“ kann deshalb ein guter Anfang sein. Aber es sollte nicht die gesamte Antwort bleiben.
02 / Verstehen
Was löst eine offene Frage in dir aus?
Nichtwissen kann sehr unterschiedliche Reaktionen auslösen: Druck, Ungeduld oder den Gedanken „Als Führungskraft müsste ich das doch wissen.“ Wenn du magst, halte vor deiner nächsten Antwort einen Moment inne. Was bemerkst du bei dir?
Manchmal berührt eine offene Antwort die Sorge um die eigene Glaubwürdigkeit. Manchmal entsteht die Befürchtung, dass das Team ohne eine schnelle Lösung unruhiger wird. Welche Rolle spielt das bei dir – wenn überhaupt?
Meine Sicht ist: Du musst nicht jedes Nichtwissen sofort füllen. Du kannst Verantwortung dafür übernehmen, wie ihr damit umgeht. Das ist etwas anderes, als dich aus einer Entscheidung zurückzuziehen.
Vielleicht hilft dir die Frage: „Versuche ich gerade, die Situation zu klären – oder möchte ich vor allem das unangenehme Gefühl einer offenen Antwort beenden?“
Und dann der Außenblick: Fehlt dir tatsächlich eine Information, eine Befugnis oder eine klare Richtung? Nicht jede Unsicherheit ist eine innere Frage. Manche Dinge müssen an anderer Stelle entschieden und verlässlich weitergegeben werden.

03 / Ausrichten
Kann dein Team sagen, was du wissen solltest?
Die nächste Antwort kommt vielleicht nicht allein von dir. Ein Teammitglied sieht eine Schwierigkeit im Ablauf. Jemand kennt eine Rückmeldung vom Kunden. Eine andere Person bemerkt, dass die Zusage im Alltag nicht einzuhalten ist.
Die Frage ist: Wird das ausgesprochen? Oder bleibt es ungesagt, weil ein Einwand als Störung gilt und niemand die Planung infrage stellen möchte?
Amy Edmondson beschreibt psychologische Sicherheit als die gemeinsame Überzeugung im Team, zwischenmenschliche Risiken eingehen zu können – etwa eine Frage zu stellen, einen Fehler anzusprechen oder um Unterstützung zu bitten. Ihre Forschung zeigt einen Zusammenhang mit dem Lernverhalten von Teams (Edmondson, 1999). Eine spätere Meta-Analyse stützt solche Zusammenhänge (Frazier und Kolleg:innen, 2017).
Für mich wird dieser Gedanke im Alltag ganz konkret: Was geschieht, wenn ein Einwand auftaucht? Vielleicht denkst du an ein Gespräch, in dem dein Plan hinterfragt wurde. Was hast du gehört, und wie hast du reagiert? Gab es Raum, die andere Sicht erst einmal zu verstehen?
Fragen zuzulassen bedeutet nicht, jede Entscheidung offenzuhalten oder Anforderungen aufzugeben. Es bedeutet, relevante Informationen ernst zu nehmen. Danach bleibt die Aufgabe, zu entscheiden und den nächsten Schritt verständlich zu machen.
04 / Gestalten
Eine klare Antwort, obwohl noch etwas offen ist
Bereite das nächste Gespräch mit vier Punkten vor: Was steht fest? Was ist offen? Was ist jetzt unser Auftrag? Wann gibt es eine neue Rückmeldung?
Ein möglicher Satz lautet: „Der endgültige Termin steht noch nicht fest. Diese Woche halten wir unsere Kundenabsprachen stabil. Ich kläre bis Donnerstag die neue Planung und gebe euch dann eine Rückmeldung – auch wenn noch nicht alles entschieden ist.“
Eine solche Aussage ersetzt kein fehlendes Fachwissen. Sie macht aber deutlich, worauf sich das Team bis zur nächsten Klärung beziehen kann. Bei akuten Risiken oder rechtlichen Pflichten braucht es zusätzlich die passenden verbindlichen Entscheidungswege.
Vereinbart auch, wann ihr euren Weg anpasst. Welche neue Information wäre wichtig? Welche Rückfrage soll nicht bis Donnerstag warten? Orientierung darf vorläufig sein. Sie sollte nur nicht beliebig werden.
Stephanie Ducheks Blick auf organisationale Resilienz verbindet Vorbereitung, Bewältigung und Anpassung (Duchek, 2020). Für mich gehört dazu auch, dass Menschen Informationen teilen können, miteinander handeln und ihre Entscheidungen später überprüfen.
Beende das Gespräch nicht nur mit „Alles klar?“. Lade eine echte Antwort ein: „Welche Frage ist noch offen? Was sollten wir mitdenken?“ Und lass einen Moment Zeit, bevor du selbst weitersprichst.
Mein Blick · Claudia Schober
Ich verstehe Führung nicht als Verpflichtung, auf alles sofort eine Antwort zu haben. Für mich gehört dazu, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen, den Auftrag zu klären und nächste Schritte verbindlich zu machen.
„Innere Stärke führt ohne Druck“ bedeutet hier für mich auch, die eigene Unsicherheit wahrnehmen zu können, ohne sie vorschnell an andere weiterzugeben. Du darfst etwas offenlassen und gleichzeitig klar sein, was heute gebraucht wird.
Menschen ernst nehmen und Entscheidungen ermöglichen gehören für mich zusammen. Es geht nicht darum, jede Frage endlos zu besprechen. Es geht darum, zuzuhören, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam weiterzukommen.
05 / Zusammen denken
Drei Ebenen.
Ein gemeinsamer Blick.
Ich schaue auf Verantwortung nicht nur als persönliche Aufgabe. Was du selbst beeinflusst, was ihr im Team klärt und wie eure Organisation funktioniert, gehört für mich zusammen. Deshalb lohnt sich der Blick auf alle drei Ebenen:
Organisationsführung
Wer entscheidet über offene Fragen? Welche Informationen und Rückmeldewege braucht das Team, um handeln zu können?
Menschenführung
Welche Orientierung brauchen die Menschen heute? Können sie Zweifel und Risiken ansprechen, und wie gehst du damit um?
Selbstführung
Was löst Nichtwissen in dir aus? Kannst du deine eigene Unruhe wahrnehmen und unterscheiden, was du weißt, vermutest oder erst klären musst?
Hier liegt für mich die Verbindung zur Resilienz: mit Unsicherheit bewusst umgehen, wichtige Informationen miteinander teilen und handlungsfähig bleiben, auch wenn noch nicht alles geklärt ist. Dafür braucht es persönliche Haltung, tragfähige Zusammenarbeit und passende Bedingungen im Unternehmen – nicht nur eine überzeugende Ansprache.
Resilienz auf drei Ebenen06 / Dein nächster Schritt
Was braucht dein Team heute von dir?
Wähle eine offene Frage, die dein Team gerade beschäftigt. Bereite das Gespräch mit einem Blick nach innen und nach außen vor.
- Erkennen: Welche Frage steht im Raum, und welche Information fehlt tatsächlich?
- Verstehen: Was löst die offene Antwort in mir aus? Welche Sorge oder Erwartung beeinflusst, wie ich reagiere?
- Ausrichten: Was soll mein Team heute verstehen, und worauf kann es sich bis zur nächsten Klärung verlassen?
- Gestalten: Was sage oder kläre ich konkret? Wann gebe ich Rückmeldung, und zu welcher Frage lade ich das Team ein?
Formuliere vor dem Gespräch einen Satz zu dem, was feststeht, und einen zu dem, was du als Nächstes klärst. Dann frage: „Welche Information fehlt euch noch, damit ihr weiterarbeiten könnt?“
Quellen
- Edmondson, A. (1999). Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383.Originalquelle öffnen ↗
- Frazier, M. L., Fainshmidt, S., Klinger, R. L., Pezeshkan, A. & Vracheva, V. (2017). Psychological Safety: A Meta-Analytic Review and Extension. Personnel Psychology, 70, 113–165.Originalquelle öffnen ↗
- Duchek, S. (2020). Organizational resilience: a capability-based conceptualization. Business Research, 13, 215–246.Originalquelle öffnen ↗

