CS RISE® Impuls 03 · Selbstführung
Wenn Verantwortung bedeutet, alles selbst tragen zu müssen.
Warum uns hohe Ansprüche manchmal unter Druck setzen – und wie wir wieder bewusster mit Verantwortung umgehen können.

Preview · VorabfassungText und persönliche Perspektive werden vor dem Livegang von Claudia freigegeben.
Eine Situation zum Wiedererkennen
Manchmal ist der Arbeitstag vorbei – und geht im Kopf trotzdem weiter. Ein Gespräch ist noch nicht geklärt. Eine Entscheidung könnte noch einmal überprüft werden. Eine Nachricht wartet, obwohl sie eigentlich bis morgen warten könnte.
Vielleicht kennst du den Gedanken: „Ich müsste eigentlich noch …“ Viel ist erledigt. Und trotzdem bleibt etwas offen, das sich nicht einfach mit dem Laptop zuklappen lässt.
Es können tatsächlich zu viele Aufgaben sein. Manchmal kommt etwas anderes hinzu: Eine Sache könnte ruhen – und genau das fällt schwer. Was davon kennst du aus deinem Alltag? Hier lohnt sich ein Blick auf die äußeren Anforderungen und auf das, was innerlich bewegt.
Verantwortung übernehmen bedeutet nicht, für alles verantwortlich sein zu müssen.
Der CS RISE® Denkimpuls01 / Erkennen
Wenn Verantwortung zum inneren Druck wird
Hohe Ansprüche sind zunächst nichts Schlechtes. Gute Arbeit leisten, zuverlässig sein, Verantwortung übernehmen: Das gehört für viele Menschen zu ihrem beruflichen Selbstverständnis. Gerade in einer Führungsrolle sollen andere sich auf Zusagen verlassen können.
Doch wann wird aus Sorgfalt ein innerer Druck? Eine Entscheidung wird mehrfach überprüft. Eine Aufgabe bleibt bei der Führungskraft, obwohl jemand anderes zuständig wäre. Zufriedenheit stellt sich erst ein, wenn jedes Detail noch einmal geprüft ist. Vielleicht erkennst du etwas davon wieder.
Nach außen kann das nach Engagement aussehen. Innerlich kann es sich anders anfühlen: weniger wie eine bewusste Entscheidung als wie eine Bedingung dafür, sich Ruhe erlauben zu können.
Die Forschung zu Perfektionismus unterscheidet verschiedene Ausprägungen. Besonders fehlervermeidender Perfektionismus steht mit Belastung in Zusammenhang. Eine große Auswertung zeigte zugleich keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Perfektionismus und besserer Arbeitsleistung (Harari und Kolleg:innen, 2018).
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, ob du hohe Ansprüche hast. Sondern ob du noch selbst über sie entscheidest. Verbessert die nächste Prüfung das Ergebnis – oder soll sie vor allem deine Unruhe beruhigen? Bei Entscheidungen mit gravierenden Folgen bleibt die erforderliche Sorgfalt selbstverständlich wichtig.
02 / Verstehen
Was passiert in dir, wenn du loslässt?
Eine Aufgabe ist übergeben. Der nächste Schritt ist besprochen. Und trotzdem entsteht vielleicht der Impuls: „Ich frage lieber kurz nach.“ Nicht jede Nachfrage ist Kontrolle. Interessant wird der Moment, wenn das Nachfragen weniger einer fehlenden Information dient als dem Wunsch, sich sicherer zu fühlen.
Falls dir so ein Moment vertraut ist, halte kurz inne, wenn du magst. Was bemerkst du? Eine Veränderung in den Schultern oder im Bauch? Ungeduld? Oder den Gedanken: „Wenn etwas schiefgeht, fällt es auf mich zurück.“ Vielleicht ist es bei dir auch etwas ganz anderes.
Manchmal steht dahinter die Sorge, jemanden zu enttäuschen, als unzuverlässig zu gelten oder die Kontrolle zu verlieren. Loslassen kann auch die Frage nach der eigenen Bedeutung berühren: „Bin ich noch genauso anerkannt, wenn ich nicht alles auffange?“ Welche Rolle spielt das bei dir – wenn überhaupt?
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen einen Zusammenhang zwischen perfektionistischen Sorgen und geringerem Selbstwert (Khossousi und Kolleg:innen, 2024). Was ein einzelner Mensch mit seinem hohen Anspruch verbindet, lässt sich daraus nicht ablesen.
Eine Sprache für solche inneren Forderungen bietet mir das Antreiberkonzept aus der Transaktionsanalyse. Taibi Kahler beschreibt darin unter anderem „Sei perfekt“ und „Beeil dich“ (Kahler, 1975). Ich nutze es als Denkmodell: Was verlangt mein innerer Satz gerade von mir – und kann ich auch anders handeln?
Mich interessiert, welche Funktion das Nachprüfen in einer solchen Situation hat. Soll es etwas absichern? Geht es um Rückhalt, Anerkennung, Verlässlichkeit? Oder um die Möglichkeit, auch mit einem Fehler respektiert zu bleiben? Was davon berührt deine Situation?
Falls du Unruhe bemerkst, muss sie nicht sofort verschwinden. Du kannst sie erst einmal wahrnehmen, ohne dich dafür zu kritisieren. Und dann prüfen: Was ist tatsächlich ein Risiko – und was befürchte ich gerade?
Dabei bleibt der Außenblick wichtig. Nicht jede Überlastung entsteht aus einem inneren Muster. Unklare Zuständigkeiten, fehlende Ressourcen oder eine Kultur, in der Fehler kaum besprechbar sind, lassen sich nicht einfach wegreflektieren.

03 / Ausrichten
Welche Verantwortung möchtest du künftig tragen?
Erkenntnis ist wichtig. Aber sie ist noch keine Veränderung. Wenn du bemerkst, was dich zum erneuten Übernehmen bewegt, kannst du bewusster entscheiden, wie du damit umgehen möchtest.
Vielleicht ist dir Verlässlichkeit besonders wichtig. Diesen Wert musst du nicht aufgeben, wenn du eine Aufgabe abgibst. Die Frage wird dann: Wie kann sie verlässlich erledigt werden, ohne dass ich jeden Schritt selbst kontrolliere?
Vielleicht brauchst du eine Rückmeldung zu einem vereinbarten Zeitpunkt statt fünf spontaner Nachfragen. Vielleicht fehlt der anderen Person eine Information oder die Befugnis, selbst zu entscheiden. Vielleicht möchtest du ausprobieren, eine weniger folgenreiche Aufgabe auf eine andere Weise erledigen zu lassen.
Auch Balz und Heisig beziehen die Gestaltung eigener Arbeitsbedingungen in ihren Blick auf Selbstführung ein (Balz & Heisig, 2022). Selbstführung bedeutet für mich deshalb nicht, alles mit sich selbst auszumachen. Sondern zu unterscheiden, was ich selbst beeinflussen kann und was wir gemeinsam klären müssen.
Für mich geht es dabei nicht um weniger Verantwortungsbewusstsein. Sondern um einen Umgang mit Verantwortung, der zur eigenen Rolle, den eigenen Werten und der konkreten Situation passt.
04 / Gestalten
Eine Grenze braucht oft eine Vereinbarung.
„Ich werde künftig konsequenter delegieren.“ Ein guter Vorsatz. Doch was passiert, wenn die andere Person nicht weiß, was sie entscheiden darf? Wenn Erwartungen unausgesprochen bleiben? Oder wenn trotz der Übergabe weiterhin jedes Detail bei der Führungskraft landet?
Dann braucht es mehr als einen Vorsatz. Es braucht eine Vereinbarung: Wer übernimmt was? Welche Entscheidungen sind möglich? Wann ist eine Rückfrage nötig? Und wie geht ihr damit um, wenn etwas nicht wie geplant läuft?
Das gilt auch für Grenzen. „Nach Feierabend bin ich nicht erreichbar“ kann ein wichtiger Satz sein. Bleiben Vertretung und Dringlichkeiten ungeklärt, ist die äußere Grenze möglicherweise gezogen – und innerlich läuft die Arbeit trotzdem weiter.
Die Forschung zur psychischen Distanzierung von der Arbeit zeigt Zusammenhänge mit weniger Erschöpfung. Arbeitsanforderungen und verfügbare Ressourcen hängen ebenfalls damit zusammen, wie gut Menschen Abstand gewinnen können (Wendsche & Lohmann-Haislah, 2017).
Ein Gespräch könnte so beginnen: „Mir ist wichtig, dass die Aufgabe gut getragen ist. Lass uns klären, welchen Teil du übernimmst, was du selbst entscheiden kannst und wann wir uns wieder abstimmen.“ Damit sprichst du aus, was dir wichtig ist, und machst die Übergabe konkret.
Es geht nicht darum, ab morgen alles anders zu machen. Ein überschaubarer Schritt reicht als Anfang: eine klare Zuständigkeit, eine vereinbarte Rückmeldung oder eine Entscheidung, die nicht erneut bei dir landen muss.
Mein Blick · Claudia Schober
In meiner Begleitung erlebe ich immer wieder, dass Loslassen nicht nur eine Frage der Aufgabenverteilung ist. Es kann auch die eigene Bedeutung berühren: Bin ich noch wichtig und wertgeschätzt, wenn andere ohne mich entscheiden? Dann wird Kontrolle zum Versuch, Sicherheit zu gewinnen. Es wird weitergemacht, nachgeprüft und verbessert. Dabei kann der eigene Druck auch bei anderen ankommen.
„Innere Stärke führt ohne Druck“ heißt für mich deshalb auch, innerlich zu wachsen, statt Sicherheit nur im ständigen Tun zu suchen. Was gibt dir das Gefühl, gut zu sein – auch wenn du nicht alles selbst steuerst? Diese Frage gehört für mich genauso zur Führungsentwicklung wie eine klare Entscheidung oder Vereinbarung.
Loslassen muss nicht bedeuten, weniger wichtig zu werden. Gute Führung zeigt sich für mich auch darin, anderen Verantwortung zu ermöglichen – mit Vertrauen, Unterstützung und klaren Entscheidungsspielräumen. So kann innere Entwicklung im Außen Platz für andere schaffen.
05 / Zusammen denken
Drei Ebenen.
Ein gemeinsamer Blick.
Ich schaue auf Verantwortung nicht nur als persönliche Aufgabe. Was du selbst beeinflusst, was ihr im Team klärt und wie eure Organisation funktioniert, gehört für mich zusammen. Deshalb lohnt sich der Blick auf alle drei Ebenen:
Organisationsführung
Welche Bedingungen prägen euer Handeln? Wer darf entscheiden, wer vertritt wen und wie sind Wissen und Ressourcen verteilt? Wo bleibt die Organisation von Einzelnen abhängig?
Menschenführung
Was geschieht zwischen euch? Wie sprecht ihr über Erwartungen, Vertrauen und Unterstützung? Welche Vereinbarung hilft, Verantwortung gemeinsam zu tragen?
Selbstführung
Was geschieht in dir? Welche Gedanken, Gefühle und Erwartungen beeinflussen, wie du Verantwortung übernimmst? Was gibt dir Rückhalt für eine bewusste Entscheidung?
Hier liegt für mich die Verbindung zur Resilienz: nicht immer mehr auszuhalten, sondern auch unter Belastung Handlungsspielraum zu finden. Dazu gehört, dein inneres Erleben ernst zu nehmen, Unterstützung zu ermöglichen und die äußeren Bedingungen mitzugestalten. Innere Stärke bedeutet nicht, nie Unsicherheit zu spüren. Es geht darum, einen Umgang damit zu finden, der dich nicht nur zum Weitermachen antreibt.
Resilienz auf drei Ebenen06 / Dein nächster Schritt
Ein Impuls für deinen Führungsalltag
Wähle eine überschaubare Aufgabe oder Entscheidung, die dich gerade beschäftigt. Nimm dir einen Moment für diese vier Fragen – ohne von dir sofort die perfekte Antwort zu erwarten.
- Erkennen: Wo übernehme ich mehr Verantwortung, als meine Rolle verlangt? Was spüre ich dabei – zum Beispiel Anspannung, Unruhe oder Ärger?
- Verstehen: Was befürchte ich, wenn ich weniger selbst übernehme? Welches Bedürfnis steckt möglicherweise dahinter, und welche äußeren Bedingungen tragen dazu bei?
- Ausrichten: Was ist mir wichtig? Wie möchte ich diese Verantwortung künftig tragen, ohne meine Werte oder meine Grenzen zu übergehen?
- Gestalten: Welches konkrete Gespräch, welche Entscheidung oder welche Vereinbarung ist jetzt ein passender nächster Schritt?
Wähle zunächst nur einen Schritt. Wenn dir Rückhalt fehlt, könnte er darin bestehen, eine offene Frage anzusprechen: „Damit ich diesen Teil abgeben kann, möchte ich noch klären …“ Du musst nicht alles allein lösen. Aber du kannst benennen, was als Nächstes geklärt werden sollte.
Quellen
- Harari, D., Swider, B. W., Steed, L. B. & Breidenthal, A. P. (2018). Is Perfect Good? A Meta-Analysis of Perfectionism in the Workplace. Journal of Applied Psychology, 103, 1121–1144.Originalquelle öffnen ↗
- Khossousi, V., Greene, D., Shafran, R., Callaghan, T., Dickinson, S. & Egan, S. J. (2024). The relationship between perfectionism and self-esteem in adults: a systematic review and meta-analysis. Behavioural and Cognitive Psychotherapy, 52(6), 646–665.Originalquelle öffnen ↗
- Balz, H.-J. & Heisig, M. D. (2022). Selbstführung und Selbstfürsorge – Leitbegriffe im Führungskräfte-Coaching? Organisationsberatung, Supervision, Coaching, 29, 193–208.Originalquelle öffnen ↗
- Wendsche, J. & Lohmann-Haislah, A. (2017). A Meta-Analysis on Antecedents and Outcomes of Detachment from Work. Frontiers in Psychology, 7, 2072.Originalquelle öffnen ↗
- Kahler, T. (1975). Drivers: The Key to the Process of Scripts. Transactional Analysis Journal, 5(3), 280–284.Originalquelle öffnen ↗
- CommPass plus (o. J.). Die Methode. Anbieterbeschreibung.Originalquelle öffnen ↗

